06. Januar 2021
Alles lesen
Erik Ebneter

Deutsche Journalisten schreiben in Schweizer Zeitungen über die EU – das ist ihren Artikeln anzumerken

Der Tages-Anzeiger versteht sich als «unabhängige Schweizer Tageszeitung». Trotzdem bezieht man die Auslandberichterstattung von der Süddeutschen Zeitung. Vor ein paar Wochen kommentierte der deutsche Brüssel-Korrespondent Björn Finke, die EU solle in der Brexit-Verhandlung hart bleiben. Dass ein guter Vertrag für die Briten im Interesse der Schweiz war: Was kümmert es Finke?

Inzwischen haben sich die EU und Grossbritannien geeinigt. Und man kann sagen: Im Vergleich zu Blick und NZZ wirkt der Tages­Anzeiger in dieser Frage tatsächlich fast wie eine unabhängige Schweizer Zeitung.

Die deutsche Ausland-Redaktorin Fabienne Kinzelmann seufzt im Blick: «Und dann mault auch die Schweiz noch.» Wie ein «ungeliebtes Stiefkind» wittere man hier eine Bevorzugung der Briten. Wirklich? Wer denn und wo? Kinzelmann bleibt das Beispiel schuldig, weiss dafür: «Sollen die Bürgerlichen ruhig aufbegehren. Für Schweizer Sperenzchen wird die EU auch jetzt nicht mehr Zeit haben.»

In der NZZ nimmt sich der deutsche Grossbritannien-Korrespondent Benjamin Triebe der Sache an. «Dieser harte Brexit ist einer der grössten Akte wirtschaftlicher Selbstverletzung in der modernen Handelsgeschichte.» Triebe nennt die Politik des britischen Premiers Boris Johnson «dumm», «überflüssig», «populistisch». Immerhin, so schliesst er halbversöhnlich, liege nun nicht alles in Scherben. «Die Vernunft hat gesiegt – das ist selten beim Brexit.»

Wie sind solche Gefühlsausbrüche zu erklären? Die EU sei für die Deutschen nach der Nazi-Zeit «eine Art Vaterlandsersatz» geworden, schrieb einst der frühere NZZ-Chefredaktor und Deutschland-Kenner Fred Luchsinger.

Tatsächlich erinnern deutsche Journalisten, die über die EU berichten, oft an den Typus des heimatskeptischen Intellektuellen, wie ihn der englische Schriftsteller George Orwell schilderte: «Er hat immer noch das Bedürfnis nach einem Vaterland, und es ist natürlich, dass er es irgendwo im Ausland sucht. Hat er es gefunden, kann er sich hemmungslos in genau den Emotionen suhlen, von denen er glaubt, sich emanzipiert zu haben.»

Nur, muss das unbedingt in Schweizer Zeitungen sein?

137 1

Schreiben Sie einen Kommentar

© Copyright 2021 - Weltwoche daily

Netiquette

Die Kommentare auf weltwoche-daily.ch dienen als Diskussionsplattform und sollen den offenen Meinungsaustausch unter den Lesern ermöglichen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass in allen Kommentarspalten fair und sachlich debattiert wird. Scharfe, sachbezogene Kritik am Inhalt des Artikels oder wo angebracht an Beiträgen anderer Forumsteilnehmer ist erwünscht, solange sie höflich vorgetragen wird. Persönlichkeitsverletzende und diskriminierende Äusserungen hingegen verstossen gegen unsere Richtlinien. Sie werden ebenso gelöscht wie Kommentare, die eine sexistische, beleidigende oder anstössige Ausdrucksweise verwenden. Beiträge kommerzieller Natur werden nicht freigegeben. Zu verzichten ist grundsätzlich auch auf Kommentarserien (zwei oder mehrere Kommentare hintereinander um die Zeichenbeschränkung zu umgehen), wobei die Online-Redaktion mit Augenmass Ausnahmen zulassen kann.

Die Kommentarspalten sind artikelbezogen, die thematische Ausrichtung ist damit vorgegeben. Wir bitten Sie deshalb auf Beiträge zu verzichten, die nichts mit dem Inhalt des Artikels zu tun haben.

Das Nutzen der Kommentarfunktion bedeutet ein Einverständnis mit unseren Richtlinien.

Unzulässig sind Wortmeldungen, die

  • Nichts mit dem Thema des Artikels zu tun haben
  • Kommerzieller Natur sind
  • andere Forumsteilnehmer persönlich beleidigen
  • einzelne Personen oder Gruppen aufgrund von Rasse, Ethnie oder Religion herabsetzen
  • in Rechtschreibung und Interpunktion mangelhaft sind
  • verächtliche Abänderungen von Namen oder Umschreibungen von Personen enthalten
  • mehr als einen externen Link enthalten
  • einen Link zu dubiosen Seiten enthalten
  • Nur einen Link enthalten ohne beschreibenden Kontext dazu

Als Medium, das der freien Meinungsäusserung verpflichtet ist, handhabt die Weltwoche Verlags AG die Veröffentlichung von Kommentaren liberal. Die Online-Redaktion behält sich jedoch vor, Kommentare nach eigenem Gutdünken und ohne Angabe von Gründen nicht freizugeben. Es besteht grundsätzlich kein Recht darauf, dass ein Kommentar veröffentlich wird. Weiter behält sich die Redaktion das Recht vor, Kürzungen vorzunehmen.