14. April 2021
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Cora Stephan

Ein westdeutscher Autor schreibt einen Krimi über Rassismus in der DDR. Die Kritik jubelt. Dass sich der angeblich authentische Fall als Legendenbildung herausstellt? Egal

Wer Krimis für leichte Unterhaltungsliteratur hält, verkennt die missionarische Energie vor allem deutscher Autoren. Bei vielen von ihnen sind Krimis tiefernste Gesellschaftskritik, enthüllen unbarmherzig das Böse unter der Sonne, stehen immer auf der Seite der Entrechteten und Beleidigten, halten uns allen den Spiegel vor.

Inspektor Wallander des schwedischen Grossautors Henning Mankell etwa hat sich stets dem Schicksal unterdrückter Frauen gewidmet, das ist schon mal gut. Doch da geht noch mehr: Rassismus etwa ist ein hochaktuelles Thema.

So wird sich das der Kölner Autor Max Annas gedacht haben. Der Plot: Ein mozambikischer Vertragsarbeiter wird 1986 in der DDR von Neonazis brutal ermordet, eine Tat, die auf Betreiben der Stasi vertuscht wurde, weil so etwas in der DDR schlechterdings nicht passieren durfte. Annas hat seinen Roman «Morduntersuchungskommission» dem Toten gewidmet, er heisst Manuel Diogo und den gab es wirklich.

Also alles ganz authentisch! In beinahe allen Rezensionen heisst es, hier werde ein realer Fall geschildert, das Werk sei ein «eminent politisches Buch nach einem historischen Fall» (Deutscher Krimipreis), es zeige, «dass rassistische Verbrechen in der DDR kein Einzelfall waren» (Crime Cologne Award), zeichne also ein «finsteres Sittengemälde der DDR».

Dunkeldeutschland, mal wieder! Kein Wunder, dass die dort alle die AfD wählen, oder?

Annas hat offenbar alle Kriterien für einen echt aufklärerischen Krimi erfüllt. Der Haken bei der Sache: Manuel Diogo ist bei einem Unfall gestorben. Die Berliner Zeitung hat den Fall recherchiert, die Staatsanwaltschaft Potsdam hat es bestätigt.

Kurz: der Roman ist noch nicht einmal gut erfunden. Es handelt sich um reine Legendenbildung, unterstützt vom Verlag und all den anderen, die womöglich gedacht haben: egal, ob es wahr ist – zuzutrauen ist es den Ossis auf jeden Fall.

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5 Kommentare zu “Ein westdeutscher Autor schreibt einen Krimi über Rassismus in der DDR. Die Kritik jubelt. Dass sich der angeblich authentische Fall als Legendenbildung herausstellt? Egal”

  • Detlef Dechant sagt:

    Im ehemaligen gesamtdeutschen Institut wurden TV-Sendungen, Dokumentationen und auch Krimis der DDR untersucht hinsichtlich ihres "Erziehungsauftrages" und Darstellung gesellschaftlicher Phänomene. Was nicht sein durfte, kam dort auch nicht vor.
    Unsere Medienmacher, die von Fördergeldern und Fürsprachen der Mainstreammedien abhängig sind, dazu gehören auch Autoren, Künstler etc., sehen sich in dieser "Tradition".

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  • Detlef Dechant sagt:

    Im ehemaligen gesamtdeutschen Institut wurden TV-Sendungen, Dokumentationen und auch Krimis untersucht hinsichtlich ihres "Erziehungsauftrages" und Darstellung gesellschaftlicher Phänomene. Was nicht sein durfte, kam dort auch nicht vor.
    Unsere Medienmacher, die von Fördergeldern und Fürsprachen der Mainstreammedien abhängig sind, dazu gehören auch Autoren, Künstler etc., shen sich in dieser "Tradition".

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  • Edmo sagt:

    Der Zeitgeist ist überall präsent. Es gibt kaum noch einen deutschen Krimi ohne intensive moralische Schulmeisterei. Egal ob Bücher oder Filme, die zeitgeistige Dekadenz mit all ihren üblen Auswüchsen wird zum Vorbild und Mass aller Dinge. LGBTQ, Feminismus, Rechtsextremismus, Asylwesen, Inklusion, Wirtschaftsfeindichkeit, alles wird im Sinne der Obrigkeit mehr oder weniger offen thematisiert und mit moralinsaurer Sauce möglichst heiss aufgetischt.

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  • Tenor sagt:

    Ich ignoriere die Mainstream-Presseerzeugnisse der Schweiz und Deutschlands und lese seit längerer Zeit nur noch die Weltwoche, Weltwoche-Daily, den Online-Nebelspalter, die Achse des Guten... Seither bin ich gut und AUSGEWOGEN informiert!

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