30. April 2021
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Adolf Muschg

Adolf Muschg antwortet seinen Kritikern: «Ich nehme nichts zurück»

Canceling heisst: eine Menschengruppe abschreiben. Das heisst: aus der Liste gesprächsberechtigter Zeitgenossen streichen. Sie werden «gezeichnet». Damit tut man eben das, was man ihnen – zum Beispiel den «weissen alten Männern» – als historische Todsünde unterstellt.

Das Realste an dieser Konstruktion sind ihre Folgen: die Spaltung der Gesellschaft, die etwa dazu geführt hat, dass viele «weisse alte Männer» in den USA nur darauf warten, Trump wiederzuwählen. Aus erpressten Identitäten wird nie eine friedensfähige Gesellschaft, und von der angenommenen Identität ist es nur noch ein Schritt zur «Volksgemeinschaft» um jeden Preis. Aber doch immer noch ein weiter Weg zu «Auschwitz»?

Das ist das Reizwort par excellence, und es ist nicht das erste Mal, dass ich gut daran getan hätte, es mir zu sparen. Wer das Gespräch als Ganzes nicht sehen konnte oder wollte, pickt sich wenigstens eine Rosine als «Aufreger» heraus und vergiftet sie zu Lasten des Sprechers – oder des Moderators, der hätte intervenieren müssen, oder gleich des Schweizer Fernsehens – und genehmigt sich seinen Beitrag zur Korrektheit – canceling culture.

Zur Entlastung aller andern Stellen erkläre ich hiermit: Ich hätte das Unwort besser nicht gebraucht. Aber füge, um der Wahrheit willen, hinzu: Es ist nicht korrekt, leider, Auschwitz als Singularität zu betrachten, auch wenn es für jeden Deutschen Ehrensache, eine Sache der eigenen Verpflichtung ist, sie als solche zu behandeln. Nie wieder!

Aber jeder ehrliche Blick in die Menschheitsgeschichte (oder der aktuelle nach Myanmar) belehrt uns eines andern: Es passiert immer wieder. Es passiert so lange, wie die Völker «Identitäten» nötig haben und für das, was daran nicht aufgeht, Sündenböcke brauchen.

Canceling bleibt eine Kultur der Spaltung, und ihr Kern steckt in uns selbst. Solange wir im geschwärzten Gesicht des Andern nicht den eigenen Schatten erkennen wollen, erscheint der Andere als Feind. Davon (wenn auch nicht nur davon) handelte das Gespräch in der «Sternstunde». Respekt vor meinem Gesprächspartner; ich nehme nichts zurück.

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18 Kommentare zu “Adolf Muschg antwortet seinen Kritikern: «Ich nehme nichts zurück»”

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