17. Mai 2021
Henryk M. Broder

Für einen «Judenstaat» auf deutschem Boden ist es zu spät – aber warum nicht ein «Palästina» in Deutschland?

Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, was in Deutschland los wäre, wenn an einem Tag etwa zwei Dutzend Demonstrationen stattgefunden hätten, auf denen «Kindermörder Israel» und andere sogenannt israel-kritische Parolen gerufen worden wären, vorausgesetzt, es wäre die AfD oder eine andere rechte Gruppierung gewesen, die zu diesen Demos aufgerufen hätte.

Denn zur deutschen Staatsräson gehört nicht nur die Sorge um Israel, sondern auch eine Überzeugung, die Bundesinnenminister Seehofer erst vor kurzem bestätigt hat – dass Antisemitismus, also Judenhass, vor allem aus rechten Quellen sprudelt. Es soll zwar auch linken und islamisch motivierten Antisemitismus geben; aber diese Varianten werden in der polizeilichen Statistik dem rechten Rand unterbuttert.

Auch die Massenmedien geben sich Mühe, den Eindruck zu verfestigen, Antisemitismus sei von Natur aus rechts. In einem Bericht der «Tagesschau» über eine «israelkritische» Demo in Berlin kam eine junge schwarz verhüllte Frau zu Wort, die ein Schild in der Hand hielt, auf dem zu lesen war: «Palästina hat es satt, den europ. Mord an Juden zu bezahlen»; sie sei «nicht glücklich über die Raketen, die in Tel Aviv landen», aber seitens Palästinas sei das eine «Gegenwehr».

Ein älterer Mann ergänzte, der Widerstand richte sich nur gegen die «Zionisten», nicht gegen die Juden.

Eine andere beliebte These lautet, die vor über 70 Jahren geflohenen und vertriebenen Palästinenser aus ihrer Heimat seien die Opfer der Deutschen, weswegen die Bundesrepublik ihnen beistehen müsse.

Da ist was dran. Ich bin seit langem der festen Überzeugung, dass im Zuge der «Wiedergutmachung» an den Juden und der «Wiedergutwerdung» der Deutschen ein jüdischer Staat in Deutschland hätte errichtet werden müssen.

Bis zum Fall der Mauer und der Fusion von BRD und DDR war das nicht möglich, weil Deutschland kein souveräner Staat war, der über sein Gebiet verfügen konnte. Nun ist es für einen «Judenstaat» auf deutschem Boden zu spät, aber ein «Palästina» in Deutschland, als Anerkennung der historischen Verantwortung, wäre ein Weg, den Nahostkonflikt zu entschärfen. Er findet inzwischen sowieso grösstenteils in Europa statt.

Wie hat es Theodor Herzl 1902 in seinem utopischen Roman «AltNeuland» geschrieben: «Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen!» Heute würde er sagen: «Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht wir, wer dann?»

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18 Kommentare zu “Für einen «Judenstaat» auf deutschem Boden ist es zu spät – aber warum nicht ein «Palästina» in Deutschland?”

  • Fede sagt:

    Wenn‘s dann einfach wäre..! Was heisst denn schon „ historische Gegebenheiten“..? Wer war den schon immer in Palestina? Sicher nicht diejenigen die nach 1945 ins gelobte Land reisten, mit dem eigenartigen Anspruch, dass sie berechtigt seien, dieses Land Ihr eigen zu nennen.

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  • Peter Rossa sagt:

    sowas von Super, lieber Herr Broder ! Mir macht Deutschland nur noch Angst und Schreck, weil ich dessen Geschichte nur zu gut kenne ...

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  • Petersen sagt:

    Sehr geehrter Herr Broder,

    Deutschland ahmt in der Problemerzeugung "Islamismus" dem Nachbarn Frankreich nach; den Judenhass nach Palästinenserart pflegen die deutschen Linken seit RAF-Zeiten.

    Was damals die Waffenbrüderschaft mit Arafats al-Fatah gegen Israel war, wird heute mit vielen Euro-Millionen für die Hamas und Demo-Brüderschaft auf deutschen Strassen fortgeführt.

    Die Merkels und Haas und Grünen, sie kommen von dem Antisemitismus nicht los. So hfetig sie auch auf Andere zeigen,

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  • herbert sagt:

    Es gibt einen weiteren beachtenswerten Aspekt. Und der verdient unbedingt "Respekt und Anerkennung". Dabei muss man zunächst einige Tage zurückgehen. Bislang waren Begriffe wie "herbeischreiben", "herbeireden" oder "herbeivergessen" in der deutschen Medienlandschaft gute Übung. Jetzt gibt es eine Art Krönung durch den Begriff "herbeischweigen". Da kommt echte Scham auf. Dieses verbreitete anfängliche Verhalten ist zudem auch eine echte Beleidigung.

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  • Guy Tiger sagt:

    Spitziger kann man es nicht formulieren. Wer diese Analogie nicht versteht, hat nichts begriffen. Danke, Herr Broder.

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  • Der Michel sagt:

    "Es gehört nicht viel Fantasie dazu ... vorausgesetzt, es wäre die AfD ... gewesen"

    Bloß dass solche Töne von der AfD eben gerade *nicht* zu hören sind...

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  • Fede sagt:

    Eine höchst interessante These die durchaus Berechtigung hat.
    Leider führt der religiöse Fanatismus der radikalen Israelis nur zu weiterem Hass und Blutvergiessen. Die Palestinenser zahlen immer noch für die Fehler welche bei der Landverteilung nach dem 2. Weltkrieg gemacht wurden.

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  • markus.schudel@gmx.ch sagt:

    Nur schon die Idee, einen Palästinenserstaat auf deutschem Boden (und damit mitten in Europa) zu errichten, ist ein gutes Anschauungsbeispiel dafür, wie krank unsere nördlichen Nachbarn auch nach 75 Jahren "Demokratie" und "Friede" immer noch sind. In ihrem selbstherrlichen Selbsthass eingekapselt, glauben sie einmal mehr, das Gute und Richtige zu tun - selbstverständlich ohne die andern Europäer zu fragen.

    Haltet Euch endlich mal still in Euren Grenzen und verschont die Welt mit Eurem Wesen.

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