13. Januar 2021
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Christoph Mörgeli

Gottlieb Duttweilers Attacke auf das Bundeshaus oder: Es gibt nichts Neues unter der Sonne

Die Bilder des stürmenden, protestierenden Volkes, das in Washington ins Kongressgebäude eindrang, hat hierzulande fast apokalyptische Kommentare ausgelöst. Die Journalisten sahen die USA am Rande des Abgrunds, als bröckelnde Weltmacht, ja als sterbende Demokratie. Gemach. Ein Blick in unsere Schweizer Geschichte lehrt uns, solche Ausnahmeereignisse nicht allzu absolut zu nehmen.

Am 6. September 1839 strömte die unzufriedene Zürcher Oberländer Bevölkerung mit Mistgabeln und Schrotgewehren in die Hauptstadt, wo am Paradeplatz im Postgebäude der liberale Regierungsrat tagte. Regierungsrat Johannes Hegetschweiler stürzte sich, friedensstiftend, zwischen die Protestler und die Kavalleristen der Regierung und wurde dabei durch einen Schuss in den Kopf getötet. Dieser «Züriputsch» hat das Wort «Putsch» in die ganze Welt getragen.

Auch die «heiligen Hallen» des Bundeshauses wurden schon Opfer eines Anschlags. Und zwar wie das US-Capitol nicht von aussen, sondern von Innen. Der Migros-Gründer und Nationalrat Gottlieb Duttweiler warf am 8. Oktober 1948 im Bundeshaus mit zwei Steinen ein Fenster ein. Er protestierte mit diesem Gewaltakt dagegen, dass ein Vorstoss von ihm nicht behandelt wurde.

Etwas später erklärte Duttweiler scheinheilig: «Drei Tage nach dem Steinwurf von Bern waren mir die innersten Beweggründe selbst noch nicht bis ins letzte klar.» Der Schaden belief sich auf 183 Franken. Die Schweiz hat Gottlieb Duttweiler wegen dieser Steine nicht gesteinigt. Der legendäre Steinwurf wurde vielmehr zum Sinnbild des gelungenen PR-Coups eines glänzenden Selbstvermarkters.

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