10. Juni 2021
Alles lesen
Hubert Mooser
Hubis Bundeshaus

Laufsteg Bundeshaus: Seit die Kleidervorschriften im Nationalrat nicht mehr so rigide sind, weiss man bei Parlamentarierinnen manchmal nicht mehr, ob sie ein Designer-Kleid oder einen Pyjama tragen

Hans-Rudolf Früh, FDP-Politiker aus Appenzell Ausserrhoden, würde sich über die Kleiderordnung im Nationalrat die Haare raufen. Der Freisinnige, war in den 1990er Jahren eine Art Kleidervogt der grossen Kammer. Strassenanzug mit Hemd und Krawatte, das war seiner Meinung eine Bekleidung, die der Würde des Hauses Rechnung trug. Bei Frauen sah er weniger genau hin.

Einen solchen Kontrolleur gibt es nicht mehr. Laut Reglement müssen Nationalräte heute bloss eine «angemessene Kleidung» tragen. Das lässt Spielraum offen und stört den Berner SVP-Nationalrat Albert Rösti, der als Parteipräsident mit wachsender Sorge beobachtet, wie einzelne seiner Ratskollegen die Krawatte ablegen und die Kleidersitten verludern.

Dieser Trend setzt sich ungehindert fort, man sieht immer mehr SVP-Amtsträger, die wie Marcel Dettling (SZ), Mike Egger (SG) oder Yves Nidegger (GE) ohne Schlips im Ratssaal sitzen. Bei der FDP gab es Krawattenzwang, den man aber wieder aufhob.

Verglichen mit Linken und Grünen kommen die Bürgerlichen insgesamt ganz passabel daher, wenn man die Schuhe ausser acht lässt und schlecht sitzende Anzüge höflich übersieht.

SP und Grüne haben ihren eigenen Dresscode und eigene Vorstellungen darüber, was angemessen ist.

Bei der AHV-Debatte am Mittwoch waren zum Beispiel SP-Co-Präsidentin Mattea Meyer, SP-Nationalrätin Isabelle Pasquier-Eichenberger und der Neuenburger Kommunist Denis de la Reussille im T-Shirt zugegen.

Die Waadtländer Ada Marra zeigte sich im linken Protestlook, im Jeans-Jäckli. Andere wie die Fraktionschefin der Grünen, Aline Trede, konnten sich wahrscheinlich am Morgen nicht entscheiden ob sie Rock oder Hose tragen soll und streifte beides über.

Dann gibt es querbeet durch alle Parteien die Auffälligen. Zu denen gehört SP-Mann Fabian Molina, er kommt immer gestylt daher – in trendigen Hochwasserhosen und weissen Sneakers. Auch Marianne Binder, Nationalrätin der CVP fällt mit ihrem Kleiderstil auf. Am Mittwoch zur AHV-Debatte erschien sie im Guantánamo-Look, also ganz in orange.

Der Paradiesvogel im Nationalrat ist jedoch ohne Zweifel FDP-Politikerin Doris Fiala. Sie spazierte gestern in einem luftigen, blauen Seiden-Deux Pieces mit weissen Punkten durchs Bundeshaus – wobei man nicht mit letzter Gewissheit sagen konnte, ob sie nun ein teures Designerkleid oder einen Pyjama trug.

Kleidervogt Früh hätte heute alle Hände voll zu tun.

507 12

18 Kommentare zu “Laufsteg Bundeshaus: Seit die Kleidervorschriften im Nationalrat nicht mehr so rigide sind, weiss man bei Parlamentarierinnen manchmal nicht mehr, ob sie ein Designer-Kleid oder einen Pyjama tragen”

  • Peter Rossa sagt:

    spielt ja letztlich keine Rolle, was diese Damen und (Herren in Turnschuhen u.ä.) tragen, der Inhalt wäre wichtiger und der ist ohnehin bei vielen mehr als erbärmlich

    116
    6
  • Realo100 sagt:

    Das passt doch wunderbar zum heutigen Zeitgeist. Viele (oder die meisten) Politiker sind nur noch Selbstdarsteller und vergessen, dass sie eigentlich Volksvertreter wären. Von mir aus könnten sie auch in Badehosen und Strandbikini auftreten, das macht ohnehin keinen Unterschied mehr.
    O TEMPORA O MORES :-((

    100
    1
  • TheRealLaurel sagt:

    Ich erinnere mich an einen Artikel vor einigen Jahren in der Weltwoche über die Jesuiten (deren Freund ich nicht bin). Dort war sinngemäß zu lesen, dass es mit der inneren Moral dieses Ordens abwärts ging als sich in den 60ern die Kleiderordnung zu lockern begann und mehr und mehr Mitglieder mit schwarzem Rolli herumliefen. Natürlich hat es etwas mit der Verfassung einer Person zu tun, wie sie sich kleidet. Das haben wir doch schon im Militär gelernt: „Tenu erstellen!“

    60
    3
  • Guy Tiger sagt:

    Dieser Kommentar ist amüsant. Aber die Kleider der Räte sollten uns nicht so sehr interessieren, wie den Stuss den diese am Laufmeter produzieren. Wenn Kleider hülfen, die Räte weiser werden zu lassen, dann her mit dem zwingenden Dresscode, aber subito.

    132
    2
    • verena sagt:

      @GuyTiger; Klar machen Kleider nicht die Poltik aus! Es gibt auch immer Ausnahmen - bitte richtig verstehen!

      Ich habe sehr, viel mit Leuten aller Art zu tun und es wiederspiegelt sich im grossen Modus, tatsächlich,,,,, ichkann nichts dafür, ist so,,,,,;))
      Ist nur Wahrnehmung und Erfahrung,,,,,

      44
      1
  • verena sagt:

    Tja solche Kleidermoralität spiegelt sich in der Politik wieder. Hat mit Respekt, Würde und Wertschätzung, für was die Politiker unterwegs, respektive vertreten zu tun. Nämlich im Auftrag eines Landes, Volkes unterwegs sein zu dürfen.
    Wer ein solch ‚hohes‘ Amt vertritt, im Cockpit des Landes Schweiz sitzt, erwarte ich auch in Kleiderwahl mehr.
    Aber eben; Kleider machen Leute und da haben wir noch diverse Pontenziale offen,,,,,,

    126
    1
  • Martin Niederhauser sagt:

    Die SVP wettert doch immer gegen Vögte,ich trauere dem Kleidervogt nicht nach.

    7
    77
  • juege sagt:

    Das fängt bereits bei den Lehrern an.

    117
    1
  • Fede sagt:

    Gut beobachtet..!! Man sollte eigentlich meinen, dass beim gegenwärtigen Parlamentariergehalt eine der Verantwortung angemessene Bekleidung möglich sein sollte.
    Den „Gipfel“ des schlechten Mode-Geschmack erreicht aber meines Erachtens, der „grüne Balthasar“...! Dieser scheint nur ein paar verwaschene Jeans und ein einziges, abgetragenes Jackett zu besitzen..

    158
    2
  • Hegar sagt:

    Vielen Dank für diese erheiternde Sichtweise. Lachen ist gesund!
    Meine Meinung kurz und knapp:
    ,Willkommen im Zirkus National‘

    135
    0
  • Rolf Bolliger sagt:

    Einem(r) Nationalrat(in) oder Ständerat(in) sollt man nie auf das Kleidertragen im "Hohen Haus" der Schweiz Vorschriften oder Aufpasser anordnen müssen! Doch der 68iger und 80er-Zeitgeist kennt eben keine Grenzen der Selbstinszenierungen! Seitdem Frauen der SP oder der "Grünen" im Ferienlook und sogar mit der "Lismete" in Parlamenten hocken, glauben auch immer mehr Volksvertreter anderer Parteien, sie müssten sich dem "modernen Zeitgeist" anpassen! Es braucht kein Kleidervogt, nur Anstand!

    218
    5

Schreiben Sie einen Kommentar

© Copyright 2021 - Weltwoche daily

Netiquette

Die Kommentare auf weltwoche-daily.ch dienen als Diskussionsplattform und sollen den offenen Meinungsaustausch unter den Lesern ermöglichen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass in allen Kommentarspalten fair und sachlich debattiert wird. Scharfe, sachbezogene Kritik am Inhalt des Artikels oder wo angebracht an Beiträgen anderer Forumsteilnehmer ist erwünscht, solange sie höflich vorgetragen wird. Persönlichkeitsverletzende und diskriminierende Äusserungen hingegen verstossen gegen unsere Richtlinien. Sie werden ebenso gelöscht wie Kommentare, die eine sexistische, beleidigende oder anstössige Ausdrucksweise verwenden. Beiträge kommerzieller Natur werden nicht freigegeben. Zu verzichten ist grundsätzlich auch auf Kommentarserien (zwei oder mehrere Kommentare hintereinander um die Zeichenbeschränkung zu umgehen), wobei die Online-Redaktion mit Augenmass Ausnahmen zulassen kann.

Die Kommentarspalten sind artikelbezogen, die thematische Ausrichtung ist damit vorgegeben. Wir bitten Sie deshalb auf Beiträge zu verzichten, die nichts mit dem Inhalt des Artikels zu tun haben.

Das Nutzen der Kommentarfunktion bedeutet ein Einverständnis mit unseren Richtlinien.

Unzulässig sind Wortmeldungen, die

  • Nichts mit dem Thema des Artikels zu tun haben
  • Kommerzieller Natur sind
  • andere Forumsteilnehmer persönlich beleidigen
  • einzelne Personen oder Gruppen aufgrund von Rasse, Ethnie oder Religion herabsetzen
  • in Rechtschreibung und Interpunktion mangelhaft sind
  • verächtliche Abänderungen von Namen oder Umschreibungen von Personen enthalten
  • mehr als einen externen Link enthalten
  • einen Link zu dubiosen Seiten enthalten
  • Nur einen Link enthalten ohne beschreibenden Kontext dazu

Als Medium, das der freien Meinungsäusserung verpflichtet ist, handhabt die Weltwoche Verlags AG die Veröffentlichung von Kommentaren liberal. Die Online-Redaktion behält sich jedoch vor, Kommentare nach eigenem Gutdünken und ohne Angabe von Gründen nicht freizugeben. Es besteht grundsätzlich kein Recht darauf, dass ein Kommentar veröffentlich wird. Weiter behält sich die Redaktion das Recht vor, Kürzungen vorzunehmen.