22. Oktober 2021
René Hildbrand

Mein liebster Spezi ist ein Fuchs: Von der grossen Freundschaft mit einem Stadt-Reineke

Nachdem ich jeweils spätnachts den Computer heruntergefahren habe, schnappe ich auf dem Balkon frische Luft.

Vor vier Jahren begann dabei eine tierische Geschichte: Nahe der Strassenlampe beim Trottoir sass ein Fuchs. Er war überhaupt nicht scheu.

Weil – wohl zu Recht – von der Fütterung dieser Raubtiere abgeraten wird, schickte ich ihn weg. In der darauffolgenden Nacht war er erneut da.

Und ich bemerkte, dass er mit dem rechten Hinterlauf hinkte.

Darum konnte ich bei unserem zweiten Treffen nicht widerstehen – und warf ein Poulet-Bein runter. Das war der Beginn einer grossen Freundschaft.

Der Reineke kam nun jede Nacht bei mir zu Besuch. Und wartete auf ein Häppchen.

Er liebte Lammrack-Knochen. Oder Überbleibsel von einem Mistkratzlerli.

Ich nannte den Fuchs Charly. Passte irgendwie zu ihm.

Schon bald reagierte er auf seinen Namen. Es kam vor, dass Charly bereits wartete, wenn ich mal sehr spät nach Hause kam.

Nach zweieinhalb Jahren tauchte er plötzlich nicht mehr auf. Er hatte wohl das Zeitliche gesegnet.

Von meinem Buchverleger kam der Vorschlag, einen Schmöker aus der Geschichte zu machen. Doch leider hatte ich es verpasst, Charly zu Lebzeiten professionell fotografieren zu lassen.

Seit einem Jahr besucht mich ein neuer vertrauensseliger Fuchs. Ein Schlitzohr. Gut möglich, dass er ein Nachkomme von Charly ist.

Ich rufe ihn Kevin. Weil er so mutig und frech ist wie der Bub aus dem amerikanischen Familienfilm.

Auch dieser Fuchs mag mich. Vielleicht merkt er, dass ich selber einer bin.

Wenn Kevin mal eine Nacht fernbleibt, mache ich mir Sorgen. Kürzlich habe ich gelesen, dass sich der Luchs immer mehr bis in die Stadtnähe von Winterthur und Zürich ausbreitet.

Im Tages-Anzeiger stand, dass einer in einem Villengarten am Zürichberg übernachtete, danach die Tramgleise im Seefeld überquerte und durch die Badi Tiefenbrunnen streifte.

Ich freue mich auf die Raubkatze. Und überlege mir bereits einen Namen für sie.

Jetzt aber zuerst nichts wie raus auf den Balkon. Kevin ist da.

Freunde lässt man nicht warten.

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9 Kommentare zu “Mein liebster Spezi ist ein Fuchs: Von der grossen Freundschaft mit einem Stadt-Reineke”

  • Joerg Sulimma sagt:

    Lieber Herr Hildbrand, herzlichen Dank für diese nette Geschichte inmitten der politischen und gesellschaftlichen Niederungen. Sie erinnert mich wieder einmal daran, aufmerksamer durch die Natur zu gehen und besser hinzuschauen. Ich werde daran denken, wenn sich das nächste Mal unsere Igelfamilie sehen lässt. Dem Iltis, der immer wieder einmal vorwitzig durch die Terrassentür schaut, habe ich noch keinen Namen gegeben. Vielleicht kommt das noch!

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  • C. Walter sagt:

    Schönes, anrührende Erleben. Und niemand fragt, ob der Fuchs am Ende doch eine Fähe war. Danke auch dafür! Dennoch zwei Punkte:
    – Vor wenigen Jahren wurde mitgeteilt, dass vierzig in der Stadt Zürich lebende Füchse bekannt seien. Das könnten unterdessen mehr sein.
    – Was ist mit «Raubkatze» gemeint, wenn vom Fuchs die Rede ist? Ein weiteres wild lebendes Tier oder eine zoologische Fehlzuordnung des Fuchses?
    Ich habe gestern noch mit Kevin telefoniert; auch schlau, aber kein Fuchs …

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  • Mueller sagt:

    Viel zu herzerreissend; der Fuchs geört nicht in die Nähe von Menschen ( Stadtparks, Spielplätze) , da er ein Wildtier ist und auch sehr gefährliche Krankheiten übertragen kann (Fuchsbandwurm)!

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  • traugi67 sagt:

    Herzig, ja aber auch lästig.
    Wenn man Hühner hat muss man höllisch aufpassen, dass Reinecke einem den Stall nicht leerräumt.
    Vor allem im Frühsommer, wenn sie Junge haben kann es auch mal vorkommen, dass er tagsüber einen Besuch abstattet. Und er tötet nicht nur 1 oder 2 sondern im Blutrausch gleich die ganze Belegschaft.
    Daher Herr Hildebrand füttern Sie weiter, damit ich von des Fuchses Heimsuchung verschont bleibe. 😉

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  • Klartext sagt:

    Ich bin nicht "geimpft" (nicht gentherapiert) und darf nicht mehr ins Restaurant. Darf ich neben dem Fuchs stehen und auf einen Knochen hoffen?

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    • ClaudiaCC sagt:

      Seit auch hier die "Corona"-Diktatur wütet und auch wir in Baden-Württemberg nur noch "registriert", geimpft, genesen, getestet und demnächst wohl auch noch gechipt irgendwo hin dürfen, haben gemeinsame Spaziergänge, Picknicks und Reihum-Wohnzimmer-Dinners und Ähnliches Hochkonjunktur.

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  • olive sagt:

    Eine schöne Geschichte 💗
    Man sollte nicht.. Das ist wohl wahr, aber sie kommen sowieso, weil es überall was zu finden gibt.

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  • Melanie sagt:

    So schön!!!
    Solche herzerwärmenden und emotionalen "Geschichten" liest man ja praktisch nirgends mehr. Dabei wären sie so wichtig und verbindend.

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