28. April 2021
Christoph Mörgeli

Schiefer Auschwitz-Vergleich: Adolf Muschg verweigert das Sorry – und tritt nicht in die Falle der Cancel Culture. Recht hat er

Mit zunehmendem Alter denkt der Schriftsteller und Germanist Adolf Muschg ehrlicher, unideologischer und mutiger.

In der Sendung «Sternstunde Philosophie» des Schweizer Fernsehens sah Muschg in der heute grassierende Cancel Culture «im Grunde eine Form von Auschwitz». Wer Menschen wegen bestimmter Merkmale (Hautfarbe, Geschlecht, Alter, Meinung) aus der Diskussion ausschliesst, schliesst sie aus der Gesellschaft aus. Die Konsequenzen sind fatal.

Auschwitz geht immer. Oder geht gar nicht. Seither gehen jedenfalls die Wogen der Empörung hoch.

Der junge Moderator und Softie-Philosoph Yves Bossart hat sich bereits entschuldigt. Der alte Literat Adolf Muschg bleibt stur und pickelhart. Würde er um Verzeihung winseln und darum bitten, seine Aussage doch bitte zu vergessen, zu streichen, zu löschen, würde er genau dahin treten, wo ihm die Cancel Culture ihre Falle stellt.

Muschg tritt an gegen die Moral- und Tugendwächter, die der Menschheit vorschreiben, was wann wie und durch wen gesagt werden darf. Er hat recht, wenn er sich jetzt erklärt.

Mit dem Auschwitz-Vergleich liegt er schief. Aber auch das Schiefe und Falsche gehört zu einem Leben und soll nicht gecancelt werden.

Das ewige «Ent-schuldigen» ist ohnehin billig, denn man will sich damit von einer Schuld entledigen. Doch schuldig sind wir armen Menschenkinder allemal.

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21 Kommentare zu “Schiefer Auschwitz-Vergleich: Adolf Muschg verweigert das Sorry – und tritt nicht in die Falle der Cancel Culture. Recht hat er”

  • TheRealLaurel sagt:

    Eine Sache neben vielen anderen, die ich an Weltwoche daily so toll finde ist, dass sogar in den Kommentaren noch intelligent argumentiert wird. „Zeig mir deine Leser und ich sage dir wer du bist.“

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  • ToWa sagt:

    Man kann von Muschg halten was man will. Dass er sich, wie im Tagi zu lesen war, von Witzfiguren wie Mike Müller beschimpfen lassen muss, hat er nicht verdient.

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  • ThinkAgain sagt:

    Wo Bücher verbrennt werden, werden am Ende auch Menschen verbrannt. Mehr habe ich nicht zur Cancel-Culture (wie wenn das Kultur wäre ...) zu sagen.

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  • Arnold Ganz sagt:

    Wahrscheinlich haben die Wenigsten, welche heute am Shitstorm gegen Adolf Muschg beteiligt sind, die Sternstunde von SRF gesehen. In der Sendung konnte vor allem miterlebt werden, dass Adolf Muschg mit sich im Reinen und Dank seiner Lebenserfahrung kaum noch angreifbar ist. Sein Vergleich der „Cancel Cultere“ mit Auschwitz, konnte im Kontext des Gesprächs eigentlich gar nicht missverstanden werden. Es kam vielmehr die Gefährlichkeit dieser neulinken, verlogenen „Canzel Cultur“ zum Ausdruck.

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  • olive sagt:

    „Die Angst vor dem 'Beifall von der falschen Seite ist nicht nur überflüssig, sie ist ein Charakteristikum totalitären Denkens.“
    Hans Magnus Enzensberger, 1962

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  • Meinrad Odermatt sagt:

    Cancel culture ist geistiger Terrorismus. Genau wie political correctness. Das ist das, was bekämpft werden muss. Muschg hat das richtig gemeint aber unglücklich ausgedrückt. Cancel culture ist auch cancel memory! Wie passt denn das zu "nie wieder"? Oder möchten die geistigen Terroristen nur "selektiv" canceln, nach ihrem Gusto? Verordnetes Wissen und verordnetes Nichtwissen? Was für kranke Hirne sind hier am Werk?

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    • Meinrad Odermatt sagt:

      ....wobei es einfach ist, sich "unglücklich auszudrücken" gegenüber einer kleinen Minderheit von Quasi-Intellektuellen, die keinerlei Absicht haben, Aussagen so zu verstehen wie sie gemeint sind! Das "Foulspiel" ist Programm.

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  • olive sagt:

    Zum Glück widersteht Herr Muschg dem Ansinnen der Moral-und Tugendwächter, Denn diese sind durch noch so viele "Mea Culpa's" nicht zu befriedigen, im Gegenteil, sie werden immer dreister.

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  • Stefan Mueller sagt:

    wie in der Jakobiner-Zeit in Grande-Nation...als Gutmenschen-Anfälle dann plötzlich auch die Robbespierres trafen....

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  • Edmo sagt:

    Die Cancel Culture ist nicht Auschwitz, aber eine Vorstufe davon. Adolf Muschg hat keinen Grund sich zu entschuldigen. Denn aus der Cancel Culture wird sehr schnell ein grausiges Auschwitz, wenn die Leute kuschen oder sich gar dafür entschuldigen, das Gedankengut der Cancel Culture Tugendwächter ans Licht gezerrt zu haben. Nur mit Offenheit und der Bereitschaft, den Finger in die Wunde zu stecken, kann das nächste Auschwitz verhindert werden. Schweigen war schon beim letzten Mal tödlich.

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  • steinlin sagt:

    Ganz ehrlich, Leute wie Adolf Muschg interessieren mich gar nicht !

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  • Tenor sagt:

    Die jeweils dem Canceln folgenden Ent-schuldigungs-Ergüsse entspringen der Angst - einer offenbar massiven Angst. So weit ist unsere Gesellschaft schon: Sie lässt sich durch Angsterzeugung von oben in eine gewünschte Richtung lenken. Dass Muschg da ein gutes Beispiel gibt und sich und seiner Aussage treu bleibt, ist ihm einerseits hoch anzurechnen, andererseits: Was hat er noch zu verlieren? Hoffentlich macht er Schule damit
    Was ich nicht verstehe: Wofür genau hat sich der Moderator entschuldigt

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    • Robert sagt:

      Auch hier: Die Linke hat die Meinungshoheit. Das ist natürlich ziemlich leicht zu verstehen, wenn man sieht, dass praktische sämtliche Medien gleich geschaltet sind (inklusive Staatsfunk). Herr Göbbels hätte diese Gleichschaltung nicht besser gekonnt. Und damit kann das Volk regelmässiger Gehirnwäsche unterzogen und nach Belieben manipuliert werden. Es braucht grossen Mut, etwas Abweichendes zu sagen; und somit beweist Adolf Muschg hier Grösse!

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