09. August 2021
Wolfgang Koydl

War Erich Kästner ein verkappter Nazi? In München scheint man das zu glauben.

An Erich Kästner gibt es nichts zu mäkeln: Die Nationalsozialisten verbrannten seine Bücher; nach dem Krieg protestierte er gegen Wiederbewaffnung und Vietnamkrieg. Ein guter Deutscher.

Nicht im grün-rot regierten München: Bei der Überprüfung «historisch belasteter Strassennamen» geriet die Erich-Kästner-Strasse auf den Index.

Das Vergehen des Autors: Er war während der Nazi-Zeit in Berlin geblieben und hatte sich mit Unterhaltungsprosa über Wasser gehalten.

Was? Kein Exil und kein KZ? Das macht ihn ja fast zum Nazi!

Warum er blieb, schrieb er selbst – aus Liebe zur Mutter und zu Deutschland: «Wie ein Baum, der – in Deutschland gewachsen – wenn's sein muss, in Deutschland verdorrt.»

Münchens Namensexperten, deren eigener woker Heldenmut sich vermutlich darin erschöpft, im Rudel auf Andersdenkende einzudreschen, werden dies wohl nie verstehen.

Genauso wenig wie Kästners Spott über jegliche engstirnige Borniertheit: «Man kann auf seinem Standpunkt stehen. Aber man sollte nicht darauf sitzen.»

 

554 0

7 Kommentare zu “War Erich Kästner ein verkappter Nazi? In München scheint man das zu glauben.”

  • peterlinz sagt:

    Wenn es etwas zu fassen gäbe, so wollte ich es; aber leider kann ich es nicht.

    22
    1
  • Freigeist sagt:

    Ideologen haben dafür gesorgt, dass Kästners Bücher verbrannt wurden , Ideologen wollen jetzt über die Wertigkeit seines Werkes , sein gelebtes
    Leben und seine Legitimation , überhaupt geehrt zu werden , wachen Diejenigen , die bestimmen wollen , ob ein Schriftsteller
    in ihr vereinheitlichtes Weltbild passt, würden sofort wieder Bücher verbrennen , Menschen entwürdigen und demütigen . Kästner würde
    heute dieses kulturell verkommene Land verlassen .

    73
    0
  • Prof. Dr. Franz Kromka sagt:

    Kein Geringerer als Marcel Reich-Ranicki, der als polnischer Jude mit viel Glück die katastrophale Hitlerei überlebte und u. a. als Feuilletonchef der F.A.Z. tätig war, kannte den besonderen Lebenslauf Erich Kästners. Und es war diese Kenntnis, die ihn urteilen ließ: "Erich Kästner hat sich nichts zuschulden kommen lassen. Kästner ist als Deutscher in schwierigster Zeit anständig geblieben."

    160
    0
    • Melanie sagt:

      Erich Kästner wird immer ein leuchtender Stern sein und bleiben. Einer, der hell und klar leuchtete in dunkler und finsterster Nacht. Dafür gibt es genügend geschriebene Beweise. Seine eigenen, und eben solche wie diesen von kompetenten Kennern wie MRR

      79
      0
  • Der Michel sagt:

    Ich bin bestürzt über die Geschichtsvergessenheit vieler meiner Landsleute. Kaum 80 Jahre nach Ende der letzten Katastrophe meint man wieder, man müsse der ganzen Welt die Überlegenheit des deutschen Wesens zeigen. Das zeigt sich nicht nur an solchen irrsinnigen Säuberungsaktionen (wobei die Erich-Kästner-Straße meines Wissens nach gnädigerweise sogar bleiben darf), sondern auch an der Moralstandarte, die viele Politiker samt Anhängern z.B. in Sachen Klima wie eine Monstranz vor sich hertragen.

    142
    0
  • Edmo sagt:

    Echte Nazi-Jäger geben nie auf. Und je weiter zurück die böse Vergangenheit liegt, desto einfacher ist es, sich moralisch in immer neue Höhen zu erheben. Je kleinlicher die Anschuldigungen, desto höher die moralische Überlegenheit. Das Modell hat gerade Hochkonjunktur. Die Antirassisten und Sklaverei-Verdammer sind genau gleich unterwegs. Uncle Ben ist weg, Alfred Escher wurde in den Dunstkreis der Sklaverei gezerrt, das Haus zum Mohren wird überstrichen und nur Rassisten essen Mohrenköpfe.

    146
    0
  • Mueller sagt:

    Wieso lässt man sich diesen „Woke“- Schwachsinn wiederspruchlos gefallen? Deckt doch diese Typen mit Verleumdungsklagen etc. ein!

    126
    0

Schreiben Sie einen Kommentar

© Copyright 2021 - Weltwoche daily

Netiquette

Die Kommentare auf weltwoche-daily.ch dienen als Diskussionsplattform und sollen den offenen Meinungsaustausch unter den Lesern ermöglichen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass in allen Kommentarspalten fair und sachlich debattiert wird. Scharfe, sachbezogene Kritik am Inhalt des Artikels oder wo angebracht an Beiträgen anderer Forumsteilnehmer ist erwünscht, solange sie höflich vorgetragen wird. Persönlichkeitsverletzende und diskriminierende Äusserungen hingegen verstossen gegen unsere Richtlinien. Sie werden ebenso gelöscht wie Kommentare, die eine sexistische, beleidigende oder anstössige Ausdrucksweise verwenden. Beiträge kommerzieller Natur werden nicht freigegeben. Zu verzichten ist grundsätzlich auch auf Kommentarserien (zwei oder mehrere Kommentare hintereinander um die Zeichenbeschränkung zu umgehen), wobei die Online-Redaktion mit Augenmass Ausnahmen zulassen kann.

Die Kommentarspalten sind artikelbezogen, die thematische Ausrichtung ist damit vorgegeben. Wir bitten Sie deshalb auf Beiträge zu verzichten, die nichts mit dem Inhalt des Artikels zu tun haben.

Das Nutzen der Kommentarfunktion bedeutet ein Einverständnis mit unseren Richtlinien.

Unzulässig sind Wortmeldungen, die

  • Nichts mit dem Thema des Artikels zu tun haben
  • Kommerzieller Natur sind
  • andere Forumsteilnehmer persönlich beleidigen
  • einzelne Personen oder Gruppen aufgrund von Rasse, Ethnie oder Religion herabsetzen
  • in Rechtschreibung und Interpunktion mangelhaft sind
  • verächtliche Abänderungen von Namen oder Umschreibungen von Personen enthalten
  • mehr als einen externen Link enthalten
  • einen Link zu dubiosen Seiten enthalten
  • Nur einen Link enthalten ohne beschreibenden Kontext dazu

Als Medium, das der freien Meinungsäusserung verpflichtet ist, handhabt die Weltwoche Verlags AG die Veröffentlichung von Kommentaren liberal. Die Online-Redaktion behält sich jedoch vor, Kommentare nach eigenem Gutdünken und ohne Angabe von Gründen nicht freizugeben. Es besteht grundsätzlich kein Recht darauf, dass ein Kommentar veröffentlich wird. Weiter behält sich die Redaktion das Recht vor, Kürzungen vorzunehmen.