18. Dezember 2020
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Christoph Mörgeli

Warum wir Flavio Cotti verdanken, dass wir nicht in der EU sind

Am 18. Mai 1992, einem wolkenlosen Frühsommer-Tag, traf sich der Bundesrat um 7 Uhr morgens zu einer ausserordentlichen Sitzung. Innert einer Stunde wurde entschieden, an die Europäische Union ein Beitrittsgesuch zu senden. Dagegen waren Arnold Koller, Otto Stich und Kaspar Villiger. Dafür waren René Felber, Jean-Pascal Delamuraz, Adolf Ogi – und Flavio Cotti.

Was nie bekannt wurde: Cottis Bekenntnis war ein Gespräch mit Nationalrat Christoph Blocher vorangegangen. Dabei ist es Blocher als hauptsächlichem Bekämpfer des geplanten Beitritts zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) gelungen, Bundesrat Cotti von einem Ja zum EU-Beitritt zu überzeugen. Wie kam es zu dieser vermeintlich paradoxen Abmachung?

Flavio Cotti beurteilte den EWR-Vertrag – genau wie Blocher – als untauglich, ja unwürdig. Der Tessiner Christdemokrat neigte zu einem raschen Beitritt zur EU. Er sah in der EU ein grosses Friedensprojekt von Christdemokraten wie Monnet, Adenauer, Schuman, De Gasperi oder Kohl. Blocher appellierte an Cottis Ehrlichkeit und forderte ihn auf, im Bundesrat blaugelbe EU-Farbe zu bekennen.

Als sich die Nachricht verbreitete, der Bundesrat habe den EU-Beitritt beschlossen, konnten die EWR-Gegner Christoph Blocher und Otto Fischer eine gute Flasche öffnen. Denn sie wussten, dass jetzt die EWR-Abstimmung zu gewinnen war. Blocher hat über seine damaligen Verhandlungen mit Flavio Cotti nie gesprochen. Aber er hat den Tessiner CVP-Bundesrat gerade wegen seinem ehrlichen EU-Bekenntnis immer sehr geschätzt.

Flavio Cotti ist vorgestern im 81. Lebensjahr verstorben.

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