01. Dezember 2020
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Roman Zeller

«Call» ist das Unwort des Jahres

Anfang der Nullerjahre besuchte uns oft ein Freund meines Vaters. Er hiess Martin, war Banker und Anfang vierzig. Ich war damals Primarschüler. Wenn Martin an den Wochenenden vorbeikam, spielten wir Fussball und hüpften auf dem Trampolin rum.

Früher oder später entschuldigte sich Martin: Er habe einen «Call». Dafür stopfte er sich einen Knopf ins Ohr und eilte davon. Mein Vater klärte mich auf: Martin habe ein «wichtiges Telefonat». Natürlich hatte ich keine Ahnung, was das bedeutete, aber ich ahnte, es geht um Business, Deals und Geld. Und das fand ich wahnsinnig interessant.

Zwanzig Jahre später begegnet mir der Anglizismus, ein Faszinosum meiner Kindheit, von morgens bis abends. Seit Mitte März herrscht Corona-bedingte «Call»-Inflation. Alle stecken permanent in «Calls», die auch immer sehr wichtig sind. Es ist wie damals bei Martin. Sogar Professoren und Lehrer verlinken sich per Online-Anruf mit ihren Schülern und Studenten, die ihnen zwar nicht zuhören, dafür aber prahlen: «Ich habe gerade einen Call.»

Wer telefoniert ist out, Sitzungen sind tot. Die hundskommune Besprechung wurde abgelöst von «Meeting», doch in dieser Corona-Zeit ist das weniger gefragt. Immerhin speaken wir nicht, sondern reden noch miteinander. Trotzdem: Was soll der Unsinn mit diesen «Calls»?

Als die Schweiz 2016 letztmals ein «Unwort des Jahres» wählte, lautete es «Inländervorrang light». Es ist Zeit, die Auszeichnung wiederzubeleben. «Call» hätte den Preis mehr als verdient.

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